Vom Werden und Vergehen

Helmut J. Psotta schuf seine Bilderfolge „Archaische Balladen“ vor fast 50 Jahren, nach seiner Ankunft aus Europa in Lateinamerika. Diese Arbeiten wurden bisher noch nie öffentlich gezeigt. Die hier abgebildeten fünf Aquarelle (bitte aufs Bild klicken) sind derzeit in der Ausstellung Vom Werden und Vergehen – Suche nach der Identität im Berliner studio im hochhaus zu sehen.

Traum

Seine Eindrücke der Ankunft und der Arbeit an der Bilderfolge schildert er so:

Nach langer Seereise kam mein Schiff Anfang 1963 im Hafen von Valparaiso an – man fuhr mich sogleich im Auto in gleißendem Sommerlicht über die Berge nach Santiago, dort wurde ich im reichen Hause meines Gastgebers unerwartet konfrontiert mit Picasso, Matisse, Dufy etc. … Europa hatte mich in unüberbietbarer Qualität wieder eingeholt – abends dann in verwirrender subtropischer Kühle und Dunkelheit ging es in die Anden zu den Mönchen nach Las Condes, die mich in einer Klosterzelle mit einigen meiner eigenen Arbeiten überraschten – vor dem Fenster erhob sich die mächtige Silhouette des Aconcagua-Gebirges. An diesem extremen Tag begann ein endloser Traum – mein ›amerikanischer‹ Traum, aus dem ich, so glaube ich heute, nie wirklich mehr aufzuwachen imstande war.

Mein neuerbautes Institut an der Universität war fast fertig, ich konnte bald einziehen, sammelte die ersten Studenten meines Lebens um mich und begann innerhalb sehr kurzer Zeit mit der ununterbrochenen Arbeit an einem Bilderzyklus, der in wenigen Wochen weiter anwuchs, als hätte ich eine magische Droge zu mir genommen (später nannte ich die Serie Archaische Balladen). Es war im Grunde der Versuch, mich von vergangenen Lebensepochen unwiderruflich zu verabschieden, zugleich langsam von meiner Jugend – der Hahn erzählte mir von wunderlichen früheren Kindheitserlebnissen, die nicht verblassen durften, dann inspirierte mich der Text der biblischen Apokalypse noch einmal, die Erscheinung des Menschensohnes vor dem geistigen Auge des Sehers Johannes auf Patmos zu gestalten, mit lichtdurchflutetem Gesicht, Füßen aus glühendem Erz und allen Attributen jüdischer Mystik (es war das erste Aquarell, das in Chile entstand und dem viele andere folgen sollten) – oder die feierliche Vision des Weihefestes Chanukka, mit Tempelzelt, Tanzinstrumenten und dem achtarmigen Leuchter der Makkabäer. Allmählich näherte ich mich nach intensiver Lektüre den Legenden und Mythen meines neuen Kulturraumes an, der verschlüsselten Poesie der Quéchua, die sich in der grandiosen Landschaft ringsherum in kosmischer Kindlichkeit widerzuspiegeln schienen (aber erst viele Jahre später sollte ich an den Ort ihres ursprünglichen Entstehens, Peru, gelangen, wo ich dann alles mit völlig anderen Augen unter dramatisch veränderten Umständen wahrnehmen mußte: aus dem homo ludens war der homo politicus geworden, für den man mich zu halten begann – eine folgerichtige Konsequenz meiner persönlichen phantastischen Entwicklung …

Den Archaischen Balladen folgte im selben Jahr der weitangelegte Zyklus über die Quéchua-Lyrik als eine Art unendlicher Meditation, mit dem es mir gelang, mich stilistisch und konzeptuell von der ästhetischen Auffassung, wie sie im Nachkriegseuropa (vor allem in der restaurierten Bundesrepublik) unentrinnbar angeordnet wurde, zu ›emanzipieren‹, d.h. die tiefsitzenden historischen Verletzungen regenerierten sich noch zur rechten Zeit.

Ich erinnere mich genau: als ich das Blatt über den Traum (wie immer er inhaltlich beschaffen gewesen sein mag) beendete, wußte ich, daß es seit der Ankunft in Valparaiso nach wochenlangem Überqueren des Ozeans, wo in wenigen Stunden das Tor zu meinem Unbewußten weit aufgestoßen wurde, kein zurück in das Grau meiner biografischen Herkunft geben konnte.

Die hier gezeigten Arbeiten können ein wenig von diesem entscheidenden Schlüsselerlebnis erahnen lassen, das mir vor nunmehr fast 50 Jahren am Ende der Welt widerfuhr …

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